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Lebendig begraben

Original vom 10.02.2008, 15:41

Nachdem ich vor 12 Jahren genau im März 1996 Deutschland verließ, wurde mein Leben noch anonymer. Eine Therapie die mir helfen sollte, meine Schüchternheit in den Griff zu bekommen, habe ich abgebrochen vor ca. 20 Jahren , nachdem der homosexuelle Therapeut sich leider in mich verliebt hatte ….

Mein Leben besteht von Anfang an praktisch nur aus Ängsten, Frustration und als höchstes Gefühl Langeweile, da es nichts gibt, was ich wirklich möchte. Alleine schon nur für das Äussern eines Wunsches wurde ich bestraft wie irre.

Früher gab es manchmal zumindest noch kurze Highlights, die ich dann auch sehr genossen habe. Andere hatten aber dann plötzlich, wenn ich nicht total im Keller und einmal gut gelaunt war, ein Problem damit, da sie mich ja nur deprimiert kannten und sonst auf mich herab schauen konnten.
Ich habe mich irgendwann an diese Apathie und Traurigkeit gewöhnt. So lange ich denken kann, leide ich unter der Angst, mich vor Anderen zu blamieren. Das ging bereits im Kindergarten los. Meine Eltern waren total abartig und gestört. Das war mir bewusst und klar, bevor ich überhaupt lesen und schreiben konnte.
Meine Mutter war tot-unglücklich über meine Geburt und hat mich dafür verantwortlich gemacht, so einen Deppen wie meinen Vater, wie sie ihn nannte, geheiratet haben zu müssen.

Bis sie, als ich 14 Jahre alt war, wegen eines Gehirnschlages mit 39 Jahren starb, gab es kein einziges nettes Wort von ihr, bzw. nur Schläge und Demütigungen für mich.

Sie hat mich den ganzen Tag überwacht, mir nicht die kleinste Freude gegönnt und niemals hätte oder habe ich etwas geschenkt bekommen, was ich mir wirklich einmal gewünscht hätte.
Statt dessen hat sie mir ständig gesagt, was ich alles noch zu tun hätte, damit ich auch einmal etwas Schönes verdient hätte. Dazu kam noch, wenn ich doch bloß ein Mädchen geworden wäre, sagte sie – die wären wenigstens noch zu etwas zu gebrauchen gewesen.

Ich sollte einfach immer noch braver sein. Sie war mit absolut nichts zufrieden.
Sie wollte mich dafür bestrafen, dass ich geboren wurde und ihr damit ihr Leben „zerstört“ habe.

Jahrelang habe ich erfolglos versucht, sie wenigstens einmal freundlich zu stimmen.
Es ist mir leider bis zu ihrem Tod praktisch direkt vor meinen Augen, niemals gelungen, auch nur ein einziges Mal von ihr gelobt zu werden.

Von meinen Mitschülern wurde ich dafür auch noch geärgert ausgelacht, weil ich unter solch einem Terror zuhause, leben musste. Als ob die Folter zuhause nicht gereicht hätte.

Ich wurde ständig gedemütigt. Wann immer ihr irgend eine Kleinigkeit nicht gepasst hat oder ihr einfach danach war, hat sie mich beleidigt oder geschlagen.

Wie viele Kochlöffel sie an meinem Hintern abgeschlagen hat, weiß ich nicht mehr. Mit der Zeit hatte ich mich ganz gut an den körperlichen Schmerz gewöhnt. Das ist auch der Grund, weshalb ich später mit „streicheln“ nichts mehr anfangen konnte, was meine Freundinnen sehr irritierte, da ich es nicht mehr spüre und es mich irgendwie nur langweilt.

Als meine Mutter irgendwann den Handbesen für die fast täglichen Schläge benutzte, der nicht an mir kaputt zu schlagen war, hatte ich einerseits Angst und gleichzeitig Hoffnung, dass sie mich irgendwann einmal so verletzt, dass ich ins daran sterben könnte, oder ins Krankenhaus müsste.

Allerdings hatte ich fast mehr Angst davor, wenn ich jemandem erzähle, was sie mit mir macht und sie dafür doch nicht ins Gefängnis kommt….

Ständig sollte ich mich laut Ansprache meiner kranken Eltern für irgend etwas schämen.
– Für meine Zeugnisse, welches leider nicht nur aus „Einsen und Zweien“ bestand, aber unter den erlebten Umständen bestimmt nicht schlecht war.
– für meine Erscheinung, die aber nie wirklich auffällig daneben war, außer dass meine Eltern zu arm waren die coolen Klamotten, welche auch schon in den 70 er Jahren in der Schule bei anderen wichtig waren, um „in“ zu sein, kaufen zu können ….
– bis heute habe ich mir ein attraktives Aussehen bewahrt, habe eine Figur, wie ein 20 Jähriger (1,83m & 67 kg) und wirke wohl ziemlich attraktiv, für das ich eigentlich dankbar sein müsste, mich aber dennoch ständig irgendwie schäme.
Eigentlich hatte ich mich früher aber für mein armseliges Elternhaus geschämt und so gut es ging verhindert, das jemand erfährt, wie peinlich und krank meine Eltern waren.

Das Dorf im Schwarzwald in dem ich aufwuchs war für mich eine reine Ansammlung feiger und kranker Menschen, welche teilweise noch heute völlig hinter dem Mond „leben“, es aber nicht merken und relativ zufrieden sind.

Ich wollte z.B. als Kind möglichst nicht zu Geburtstagen eingeladen werden, selbst niemanden einladen müssen und auch niemanden sonst um mich, der nebenbei beobachten könnte, wie armselig und traurig ich leben musste.

Lange Zeit hoffte ich und betete dafür es eines Tages Alles auch so gut zu haben, wie andere. 

Aber Nachts konnte ich auch oft stunden lang nicht schlafen und habe darum gebetet, dass entweder ich, oder diese „Hexe“ endlich verschwindet.
Sie hat oft den ganzen Tag mit nachbarschaftlichem Tratsch verbracht und wenn mein Vater, abends um 5 von seinem Hilfsarbeiterjob kam, hatte sie meistens ein schlechtes Gewissen und hat ihm Geschichten erzählt, weshalb sie wieder, wegen Ärger mit mir, so schlimme Kopfschmerzen hätte.
Manchmal hat sie ihn in ihrer Wut, so weit motiviert, das er mich so schlimm geschlagen hat, dass ich dachte, ich hätte keinen einzigen heilen Knochen mehr im Leib. Noch heute kann ich die dumpfen Schläge innerlich hören und spüren.

Irgendwann war es so weit, dass ich keinen Ausweg mehr aus diesem Hamsterrad mit Tausenden von fehlenden Dingen in meinem Leben sah und seit dem wie in einen Schneewittchensarg einsam und apathisch dahin vegetiere ohne wirklich zu leben.

Seit 1996 nun … auf einer schönen, sonnigen Kanarischen Insel, wo ich mich mit meinen 41 Jahren in einem 2 Zimmer Apartment auf dem Land „verkrieche“.
Meine Ängste vor Menschen und deren möglichen schlechten Reaktionen haben mich dazu gebracht, dass ich mir heute meinen Lebensunterhalt relativ einfach und anonym durch das Internet verdiene und wenig persönliche Kontakte brauche.

Diese wenigen Kundenkontakte sind praktisch die einzigen Kontakte zur Außenwelt, die ich als Ersatz für eine fehlende Familie benutze indem ich es genieße, von ihnen für kleinere Computerprobleme gerufen zu werden, Diese löse und wenig Geld dafür kassiere. …. damit sie auch bloß wieder anrufen, wenn sie wieder ein kleines Problemchen haben, und mir damit meinen einzigen Lebensinhalt lassen.

So ähnlich habe ich auch die meisten meiner bisherigen Freundinnen kennen gelernt. Meistens waren sie älter als ich, fanden mich nett und „süß“, waren aber nie wirklich von mir selbst ausgesucht. Für mich war eine nette Freundin zu finden und mit ihr zusammen zu leben immer das Allergrößte und wichtigste. Nach meiner Ansicht sollten sie möglichst ein paar „Fehler“ haben, (z.B. etwas Übergewicht, was mir sonst nicht gefällt, bis zu 3 Kinder, Schulden, etc… ) damit sie mir meine eventuellen Fehler nicht gleich vorwerfen konnten – und wenn doch, war es weniger schmerzhaft, weil sie mir ja weniger bedeutete …. – natürlich geht Das nie lange gut.
Der Gedanke, dass mir nun aber die restlichen Jahre einfach so davon laufen und ich keine Hoffnung auf Besserung meiner Ängste vor Menschen habe, lähmt mich nun völlig.
Die Angst davor, mich vor jemandem zu blamieren und ausgelacht zu werden ist mir so sehr über den Kopf gewachsen, daß ich keinen Ausweg mehr aus diesem selbst gemachten Grab finde.
Es scheint Nichts mehr zu geben, was mich aus diesem tiefen Loch heraus holen könnte. 

 

geschrieben vor 10 Jahren, damals noch geradezu jung und fit.